Das Land der Elfen


Island ist zweifellos eine Insel, der etwas ganz Besonderes, etwas Geheimnisvolles anhaftet. Mit ihren Gletschern, Geysiren und Vulkanen bietet dieser karge Ort, weit abgeschnitten vom Festland, im Polarmeer eine Kulisse, in der man sich Naturgeister wie Elfen und Trolle sehr gut vorstellen kann.

Island, das Land der Elfen
Elfen

Elfen (isländisch "alfar") sind in der Literatur schon früh erwähnt, uralte Sagen ranken sich um die geheimnisvollen Wesen. Schon immer beflügelten sie die Fantasie der Menschen und regten zu allen Zeiten Märchenerzähler und Schriftsteller an. Doch nicht nur in den fantastischen Welten eines J.R. Tolkien und anderer großer Erzähler sind sie präsent, auch unsere ganz reale Welt bevölkern sie tatsächlich - davon sind zumindest die Isländer überzeugt.

In der modernen Fantasie-Literatur - insbesondere in Rollenspielen - erscheinen häufig Wesen (meistens als 'Elfen' bezeichnet), die den Tolkienschen Elben mehr oder weniger nachempfunden sind. Dabei zählen sie grundsätzlich eher zu den "guten" und friedfertigen Völkern, anders als z. B. die Dunkelelfen, die die Ideale der Elfen in das Gegenteil verkehren. (Dabei ist es je nach Interpretation des Themas so, dass sich diese "Dunkelelfen" vom "wahren Weg" der Elfen abgewandt haben oder bereits als Teil einer "bösen" Elfenrasse geboren wurden.) Ebenso die neutralen mondpreisenden Nachtelfen, welche sich aus weltlichen Konflikten fernhalten. Die Darstellungsweise von Elfen in den verschiedenen Fantasie-Welten reicht von anarchistisch angehauchten Naturfreaks über kriegerische, indianerähnliche Stämme, bis zu feenähnlichen Darstellungen. Auch die beschriebene Körpergröße der Elfen schwankt von "deutlich größer als Menschen" bis zu "feenhaft klein".

Eine Darstellung von Elfen, die deutlich dichter an die früher gängige, eher negative Elfendarstellung der Folklore angelehnt ist als an Tolkien, findet sich in Terry Pratchetts Scheibenwelt-Roman "Lords und Ladies". Sie sind gemein, kaltherzig und grausam (und hassen Metall über alles).

Elfe

Der Glaube der Isländer

54 Prozent der isländischen Bevölkerung glauben an die Existenz des so genannten "Huldufólks", des versteckten Volkes, zu dem neben Elfen auch Zwerge, Gnome und Trolle gehören. Wer aber meint, die Isländer seien eben ein abergläubiges Volk, das hinter dem Mond lebt, der irrt: Island ist beispielsweise das Land mit der höchsten Rate an Internet-Anschlüssen und auch sonst sind die Isländer ziemlich "up-to-date". Sie sind unter anderem führend in der Entwicklung alternativer Technologien, woran man ihre Naturverbundenheit erkennen kann. Und die äußert sich eben auch in Respekt vor den Naturwesen, an die so viele von ihnen felsenfest glauben.

Für die rund 270.000 Einwohner der Insel schließen sich Kirchgang und Rücksichtnahme auf Elfen, die in manchem, für uns unscheinbar wirkenden, Stein am Wegesrand hausen, nicht aus. Während die Kirche den scheinbar harmlosen Aberglauben belächelt, belächeln wiederum manche Isländer die Kirche, deren Lehre für Troll- und Elfengläubige fremdartig bzw. unnatürlich bleibt.

"Die wenigsten von uns sind davon überzeugt, dass es Elfen gibt, andererseits wollen wir die Möglichkeit ihrer Existenz nicht leugnen", erklärt der Volkskundler und Elfenkenner Arni Björnson den weit verbreiteten Glauben der Isländer an magische Wesen. "Eigentlich ist es eine Art Skepsis. Wir leben in einem höchst unberechenbaren Land - was heute noch Gras und Wiese ist, kann morgen Lava und Asche sein. Daraus haben wir gelernt, uns nicht zu sehr auf den Augenschein zu verlassen." Die Naturgeister der alten isländischen Sagen spielen im alltäglichen Leben noch eine große Rolle. Besonders bei älteren Menschen, die auf dem Land leben, fernab des modernen Reykjavík, dort, wo die Urkräfte des Landes ihre Macht demonstrieren. Ihr Glaube geht sogar so weit, dass die Isländer den Elfen alle Ehre erweisen.

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Die etwas anderen Bauten

Dort, wo sie wohnen, darf nicht gebaut werden, denn sie sind sehr scheu und könnten sich gestört fühlen. Im schlimmsten Fall wäre die Harmonie zwischen Mensch und Naturvolk geschädigt.
Sogar von hochamtlicher Seite wird dem "Huldufólk" Hochachtung gezollt: Bei Bauvorhaben wird zunächst geprüft, ob die Naturgeister von den geplanten Baumaßnahmen nicht beeinträchtigt werden. Um dies herauszufinden, wird die Elfenbeauftragte Erla Stefánsdóttir zu Rate gezogen. Sie hat die Wesen kategorisiert und ihre Wohnsitze und Wege in eine "Landkarte der verborgenen Welt" eingezeichnet. So wurden schon Straßen extra in Umwegen um Hügel herum angelegt, um die laut Karte darin lebenden Elfen nicht zu stören.

Im Fall von Alfholsvegur, der so genannten "Elfenhügelstraße" zwischen Reykjavík und Kópavogur, macht der Straßenverlauf einen Schlenker um einen Hügel, in dem Elfen vermutet werden.


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Elfenhügelstrasse

In einer Stadt namens Grundafjördur befindet sich an der Hauptstraße zwischen den Häusern mit den Nummern 82 und 86 ein Felsen: Die Nr. 84 wird von Elfen bewohnt.

Im Nordosten von Reykjavík steht mitten auf einem Parkplatz ein großer Basaltblock, der jedem Einwohner des Landes als Wohnort einer Elfensippe bekannt ist. Der Leiter der örtlichen Elfenschule, der Historiker Magnús Skarphéðinsson, berichtet: "Dieser Stein sollte vor sechzig Jahren beim Bau des Parkplatzes entfernt werden, nebenan befand sich seinerzeit eine Hühnerfarm. Noch bevor die Pläne in die Tat umgesetzt werden konnten, fingen die Hühner auf einmal an, weniger Eier zu legen. In der ersten Woche sank die Eierproduktion um die Hälfte und ging dann innerhalb von drei Wochen auf Null zurück. Heimische Medien wurden zu Rate gezogen und was einige schon vermutet hatten, entpuppte sich schon bald als Tatsache: Der Stein war Wohnort einer Elfenfamilie, deren Mitglieder den Medien im Traum bereits zahlreiche Vorwarnungen gesandt hatten. Er blieb an seiner Stelle und kurz darauf fingen die Hühner wieder an Eier zu legen."


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Der Elfenstein


Auch Privatleute legen bei ihren Bauplanungen Wert darauf, keine Elfenheime zu beeinträchtigen. Schließlich gibt es einige Anekdoten, nach denen all jene Bauherren schlechte Erfahrungen gemacht haben, die keine Rücksicht auf die Behausungen der Naturgeister genommen haben.




Die Elfenbeauftragte

Die Elfenbeauftragte (isländisch: Álfasögusafni = wörtl. Elfenmärchensammlerin) Erla Stefánsdóttir (siehe weiter unten) ist eigentlich Klavierlehrerin, doch schon als kleines Mädchen spielte sie mit Elfenkindern. "Ich kann Elfen sehen und mit ihnen sprechen. Diese Fähigkeiten stelle ich jedem zur Verfügung. Ich möchte die Elfen schützen." Heute ist sie Islands "staatliche Elfenbeauftragte" und erklärt, was es mit den geheimnisumwobenen Wesen auf sich hat: "Sie können vom Typus her sehr unterschiedlich sein, von groß bis klein. Einige sind dem Menschen sehr ähnlich. Und mit ihren wunderbaren Stimmen singen sie stundenlang. Sie tragen bunte Kleidung, sind meist rothaarig und sehr gesellig." Insgesamt kennt Frau Stefánsdóttir, dank ihrer besonderen Gabe, über 60 verschiedene Elfenarten. Daheim hat sie sogar ihren eigenen Hauself, der am liebsten Brei isst. Jedes Jahr stellt sie ihm ein Schüsselchen hin, damit er "Energie tanken" kann.


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Erla Stefánsdóttier


Erla sagt von sich, Elfen sehen und mit ihnen reden zu können. Außerdem behauptet sie, sogenannte Energielinien wahrnehmen zu können: blitzende, farbige Linien die von Berggeistern ausgesendet werden und alte, längst überwucherte Pfade anzeigen (solche Linien sind auch in China und bei den australischen Aborigines ein Begriff). Einwohner aus allen Teilen Islands reisen zu der Elfenkennerin, um von ihren Elfengeschichten aus ihren Heimatorten zu erfahren.

Der Großteil der Isländer steht hinter ihrer "Elfenbeauftragten", wenn es darum geht, wie oben erwähnt, ein Bauvorhaben zu ändern oder zu stoppen, weil ein jahrhundertealter Elfenlebensraum in Gefahr ist. Naturschutz ist auf der Insel ein wichtiges Thema, bei dem sich der Glaube an Elfen durchaus bewährt hat.

"Respekt vor den überirdischen Erscheinungen kann ja nicht schaden, schließlich weiß man nie! Elfen und Naturwesen sind "der Ausdruck des inneren Lebens der Natur", sagt Erla Stefánsdóttir im Gespräch. Nicht nur auf Island, sondern überall: "Man muss nur auf sie achten". Frau Stefánsdóttir wird vom Stadtbauamt oder von privater Seite gerufen, um die fabelhaften Wesen zu orten. Keines soll zu Schaden kommen, wenn beispielsweise eine neue Straße geplant wird.





Wo sich die Elfen aufhalten


Ihre Wohnorte finden sich jedoch nicht ausschließlich in den wilden, unberührten Naturlandschaften der Insel. Im Gegenteil, einige Elfen- und Zwergarten scheinen von der Anwesenheit des Menschen regelrecht angezogen zu werden. Ähnlich den Weißstörchen und Füchsen in Mitteleuropa, haben Elfen und Zwerge gelernt, die Vorzüge einer Niederlassung in der Nähe menschlicher Behausungen zu genießen. Doch nur einigen Kobolden gelingt es, sich problemlos im Haus, zumeist im Keller oder unter dem Dach, dauerhaft anzusiedeln. Die etwas scheueren Elfen bevorzugen als Wohnraum Steine in Gärten und öffentlichen Anlagen. Dabei kommt es gelegentlich zu Konflikten mit den Menschen, die die Steine - meist ahnungslos - aus unterschiedlichsten Gründen verrücken oder abtragen wollen.

Das Astloch als Wohnort einiger Elfenarten, so wie es Jacob Grimm aufführt, scheidet in Island mangels Baumbestand nahezu aus. Es gibt zwar durchaus einzelne Bäume, am Skaftafell und der Þorsmörk sogar kleinere Wälder, kaum jedoch Bäume mit Höhlungen. Solche wären auch wohl nach dem ersten Herbststurm zusammengeknickt. Aus diesem Holzmangel ist auch der Klabautermann in Island nur als auswärtiger Schiffskobold bekannt. Er erreichte früher vorwiegend mit dänischen, englischen oder deutschen Schiffen das Land.


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Ein von Unbekannten gebautes, ungefähr schuhkartongrosses "Elfenhaus"
(Foto: Magnus Peror)


Im offiziellen Prospekt der Stadt erklärt Erla Stefánsdóttir (siehe oben) die Eigenheiten der hiesigen Elfen: "Sie wohnen in Lavafelsen und bevorzugen helle, klare Nahrung. Sie essen Fisch, Milchprodukte, Eier, Gemüse, Obst und Blumen." Jules Verne wählte den sagenumwobenen Snaefellsjökull-Vulkan als Einstiegsort in die Unterwelt für seine "Reise zum Mittelpunkt der Erde". Auch für Erla Stefánsdóttir ist er ein magischer Ort: "Jeder kann die ungeheure Energie spüren, die der Vulkan ausstrahlt."





Der Mensch und die Elfen

Konflikte der Menschen mit Elfen und Zwergen werden in Island auch heute noch leidenschaftlich diskutiert und gewissenhaft registriert. Ein bekanntes Beispiel soll hier den Stellenwert, den die Naturwesen auf der Insel innehaben, verdeutlichen.

Für Menschen bleiben Elfen meist unsichtbar. Nur hin und wieder treten sie in Erscheinung, wenn sie der Hilfe der Menschen bedürfen oder ihre Hilfe anbieten. Die Unsichtbarkeit der Zwerge wird meist mit einem bestimmten Kleidungsstück erklärt, ein Mantel, eine Kappe, durch deren plötzliches Abwerfen sie auf der Stelle sichtbar werden. Es gibt aber auch Beschreibungen von Situationen, in denen ein Mensch einem Zwerg die Kappe durch eine List entreisst und ihn so gegen sein Willen sichtbar macht. Die Nebel- oder Tarnkappen der isländischen Zwerge sind nach den Beschreibungen der Elfenbeauftragten des Reykjavíker Baustadtamtes, Erla Stefánsdóttier nicht nur spitz und rot, sondern auch gelb, grün und blau gefärbt und weisen unterschiedlichste Formen auf. Ein Zwerg mit Mütze ist daher unsichtbar, sichtbar für Menschen sind nur solche ohne Kopfbedeckung. Insofern ist der Gartenzwerg wie er in manchem deutschen Vorgarten als Skulptur zu finden ist, eine Absurdität, eine Chimäre.

Aber es gibt auch gewisse Pflanzen und Steine, die die Fähigkeit des Unsichtbarmachens besitzen oder selbst unsichtbar sind. Eine spezielle isländische Steinart ist der Huliðshjálmsstein, der Tarnhelmstein. Er ist nicht Wohnort einer Elfe, noch Körperteil eines versteinerten Trolls, wie oft fälschlich vermutet wird, sondern die versteinerte Kopfbedeckung eines Zwerges. Der Huliðshjálmsstein ist - solange er nicht berührt wird - sichtbar.

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Tourismus

Eine ausgeklügelte, nahezu magische Marketing-Strategie, um Touristen anzulocken, hat sich die kleine Hafenstadt Hafnarfjördur, in der Nähe von Reykjavík, einfallen lassen. "Hafnarfjördur besitzt eine der größten und vielfältigsten Populationen an Elfen und Geistern auf ganz Island. Seit jeher glaubt man daran, dass hier Elfen wohnen", heißt es in der von Frau Stefánsdóttir erstellten Karte, in der sämtliche Elfenwohnorte verzeichnet sind. Der interessierte Tourist kann damit gezielt auf die Suche gehen.

Wenn auch die meisten Isländer zu ihren Elfen stehen, manch einer schmunzelt über die Elfenbegeisterung der Fremden. Frau Stefánsdóttir hat ebenfalls gemischte Gefühle: "Es stimmt, dass die Elfen manchmal vermarktet werden. Aber es hilft, sie den Menschen näher zu bringen, um sie besser schützen zu können."





Die Elfenschule in Reykjavik


Seit 1994 gibt es hier eine Elfenschule namens Àlfaskólin, die seit mehr als zehn Jahren von Magnús Skarphédinsson, ein grosser, rotbärtiger Mann, geleitet wird. Früher war er Hochschullehrer, heute hat er eine Firma, welche Häuser renoviert. Die Elfenschule betreibt er nebenbei. Von den zehn Prozent der Isländer, die sich nach Kontakt mit dem "huldufólk" sehnen, ist Magnús Skarphédinsson wahrscheinlich der Sehnsüchtigste. In der Schule lernt man das Wichtigste über Elfen und das "verborgene Volk" in 4 Stunden. Im Anschluss erhält man ein "Diplom". Die Schule wird oft von Touristen aufgesucht, die etwas über Naturgeister erfahren möchten.

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Magnús Skarphédinsson




Schlusswort

Ist es nun die urwüchsige, sich ständig wandelnde Natur in dem spärlich besiedelten Land, die die Menschen an magische Kräfte glauben lässt, oder die späte Christianisierung ab dem 10. Jahrhundert, die den heidnischen Glauben nie ganz verdrängte? Genau lässt es sich nicht sagen. So eigenartig es jedem Mitteleuropäer erscheint mit Elfen zu sprechen und sie zu schützen - für Isländer sind sie Teil ihres Lebens.

 

 

© 2005 / Elfe - www.geisternet.com


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