Die
etwas anderen Bauten
Dort,
wo sie wohnen, darf nicht gebaut werden, denn sie sind sehr scheu
und könnten sich gestört fühlen. Im schlimmsten Fall
wäre die Harmonie zwischen Mensch und Naturvolk geschädigt.
Sogar von hochamtlicher Seite wird dem "Huldufólk"
Hochachtung gezollt: Bei Bauvorhaben wird zunächst geprüft,
ob die Naturgeister von den geplanten Baumaßnahmen nicht beeinträchtigt
werden. Um dies herauszufinden, wird die Elfenbeauftragte Erla Stefánsdóttir
zu Rate gezogen. Sie hat die Wesen kategorisiert und ihre Wohnsitze
und Wege in eine "Landkarte der verborgenen Welt" eingezeichnet.
So wurden schon Straßen extra in Umwegen um Hügel herum
angelegt, um die laut Karte darin lebenden Elfen nicht zu stören.
Im
Fall von Alfholsvegur, der so genannten "Elfenhügelstraße"
zwischen Reykjavík und Kópavogur, macht der Straßenverlauf
einen Schlenker um einen Hügel, in dem Elfen vermutet werden.
Elfenhügelstrasse
In
einer Stadt namens Grundafjördur befindet sich an der Hauptstraße
zwischen den Häusern mit den Nummern 82 und 86 ein Felsen: Die
Nr. 84 wird von Elfen bewohnt.
Im
Nordosten von Reykjavík steht mitten auf einem Parkplatz ein
großer Basaltblock, der jedem Einwohner des Landes als Wohnort
einer Elfensippe bekannt ist. Der Leiter der örtlichen Elfenschule,
der Historiker Magnús Skarphéðinsson, berichtet:
"Dieser Stein sollte vor sechzig Jahren beim Bau des Parkplatzes
entfernt werden, nebenan befand sich seinerzeit eine Hühnerfarm.
Noch bevor die Pläne in die Tat umgesetzt werden konnten, fingen
die Hühner auf einmal an, weniger Eier zu legen. In der ersten
Woche sank die Eierproduktion um die Hälfte und ging dann innerhalb
von drei Wochen auf Null zurück. Heimische Medien wurden zu Rate
gezogen und was einige schon vermutet hatten, entpuppte sich schon
bald als Tatsache: Der Stein war Wohnort einer Elfenfamilie, deren
Mitglieder den Medien im Traum bereits zahlreiche Vorwarnungen gesandt
hatten. Er blieb an seiner Stelle und kurz darauf fingen die Hühner
wieder an Eier zu legen."

Der
Elfenstein
Auch Privatleute legen bei ihren Bauplanungen Wert darauf, keine Elfenheime
zu beeinträchtigen. Schließlich gibt es einige Anekdoten,
nach denen all jene Bauherren schlechte Erfahrungen gemacht haben,
die keine Rücksicht auf die Behausungen der Naturgeister genommen
haben.
Die Elfenbeauftragte
Die
Elfenbeauftragte (isländisch: Álfasögusafni = wörtl.
Elfenmärchensammlerin) Erla Stefánsdóttir (siehe
weiter unten) ist eigentlich Klavierlehrerin, doch schon als kleines
Mädchen spielte sie mit Elfenkindern. "Ich kann Elfen sehen
und mit ihnen sprechen. Diese Fähigkeiten stelle ich jedem zur
Verfügung. Ich möchte die Elfen schützen." Heute
ist sie Islands "staatliche Elfenbeauftragte" und erklärt,
was es mit den geheimnisumwobenen Wesen auf sich hat: "Sie können
vom Typus her sehr unterschiedlich sein, von groß bis klein.
Einige sind dem Menschen sehr ähnlich. Und mit ihren wunderbaren
Stimmen singen sie stundenlang. Sie tragen bunte Kleidung, sind meist
rothaarig und sehr gesellig." Insgesamt kennt Frau Stefánsdóttir,
dank ihrer besonderen Gabe, über 60 verschiedene Elfenarten.
Daheim hat sie sogar ihren eigenen Hauself, der am liebsten Brei isst.
Jedes Jahr stellt sie ihm ein Schüsselchen hin, damit er "Energie
tanken" kann.

Erla
Stefánsdóttier
Erla sagt von sich, Elfen sehen und mit ihnen reden zu können.
Außerdem behauptet sie, sogenannte Energielinien wahrnehmen
zu können: blitzende, farbige Linien die von Berggeistern ausgesendet
werden und alte, längst überwucherte Pfade anzeigen (solche
Linien sind auch in China und bei den australischen Aborigines ein
Begriff). Einwohner aus allen Teilen Islands reisen zu der Elfenkennerin,
um von ihren Elfengeschichten aus ihren Heimatorten zu erfahren.
Der
Großteil der Isländer steht hinter ihrer "Elfenbeauftragten",
wenn es darum geht, wie oben erwähnt, ein Bauvorhaben zu ändern
oder zu stoppen, weil ein jahrhundertealter Elfenlebensraum in Gefahr
ist. Naturschutz ist auf der Insel ein wichtiges Thema, bei dem sich
der Glaube an Elfen durchaus bewährt hat.
"Respekt
vor den überirdischen Erscheinungen kann ja nicht schaden, schließlich
weiß man nie! Elfen und Naturwesen sind "der Ausdruck des
inneren Lebens der Natur", sagt Erla Stefánsdóttir
im Gespräch. Nicht nur auf Island, sondern überall: "Man
muss nur auf sie achten". Frau Stefánsdóttir wird
vom Stadtbauamt oder von privater Seite gerufen, um die fabelhaften
Wesen zu orten. Keines soll zu Schaden kommen, wenn beispielsweise
eine neue Straße geplant wird.
Wo sich die Elfen aufhalten
Ihre Wohnorte finden sich jedoch nicht ausschließlich in den
wilden, unberührten Naturlandschaften der Insel. Im Gegenteil,
einige Elfen- und Zwergarten scheinen von der Anwesenheit des Menschen
regelrecht angezogen zu werden. Ähnlich den Weißstörchen
und Füchsen in Mitteleuropa, haben Elfen und Zwerge gelernt,
die Vorzüge einer Niederlassung in der Nähe menschlicher
Behausungen zu genießen. Doch nur einigen Kobolden gelingt es,
sich problemlos im Haus, zumeist im Keller oder unter dem Dach, dauerhaft
anzusiedeln. Die etwas scheueren Elfen bevorzugen als Wohnraum Steine
in Gärten und öffentlichen Anlagen. Dabei kommt es gelegentlich
zu Konflikten mit den Menschen, die die Steine - meist ahnungslos
- aus unterschiedlichsten Gründen verrücken oder abtragen
wollen.
Das
Astloch als Wohnort einiger Elfenarten, so wie es Jacob Grimm aufführt,
scheidet in Island mangels Baumbestand nahezu aus. Es gibt zwar durchaus
einzelne Bäume, am Skaftafell und der Þorsmörk sogar
kleinere Wälder, kaum jedoch Bäume mit Höhlungen. Solche
wären auch wohl nach dem ersten Herbststurm zusammengeknickt.
Aus diesem Holzmangel ist auch der Klabautermann in Island nur als
auswärtiger Schiffskobold bekannt. Er erreichte früher vorwiegend
mit dänischen, englischen oder deutschen Schiffen das Land.
Ein von Unbekannten gebautes, ungefähr schuhkartongrosses
"Elfenhaus"
(Foto: Magnus Peror)
Im offiziellen Prospekt der Stadt erklärt Erla Stefánsdóttir
(siehe oben) die Eigenheiten der hiesigen Elfen: "Sie wohnen
in Lavafelsen und bevorzugen helle, klare Nahrung. Sie essen Fisch,
Milchprodukte, Eier, Gemüse, Obst und Blumen." Jules Verne
wählte den sagenumwobenen Snaefellsjökull-Vulkan als Einstiegsort
in die Unterwelt für seine "Reise zum Mittelpunkt der Erde".
Auch für Erla Stefánsdóttir ist er ein magischer
Ort: "Jeder kann die ungeheure Energie spüren, die der Vulkan
ausstrahlt."
Der Mensch und die Elfen
Konflikte
der Menschen mit Elfen und Zwergen werden in Island auch heute noch
leidenschaftlich diskutiert und gewissenhaft registriert. Ein bekanntes
Beispiel soll hier den Stellenwert, den die Naturwesen auf der Insel
innehaben, verdeutlichen.
Für Menschen bleiben Elfen meist unsichtbar. Nur hin und wieder
treten sie in Erscheinung, wenn sie der Hilfe der Menschen bedürfen
oder ihre Hilfe anbieten. Die Unsichtbarkeit der Zwerge wird meist
mit einem bestimmten Kleidungsstück erklärt, ein Mantel,
eine Kappe, durch deren plötzliches Abwerfen sie auf der Stelle
sichtbar werden. Es gibt aber auch Beschreibungen von Situationen,
in denen ein Mensch einem Zwerg die Kappe durch eine List entreisst
und ihn so gegen sein Willen sichtbar macht. Die Nebel- oder Tarnkappen
der isländischen Zwerge sind nach den Beschreibungen der Elfenbeauftragten
des Reykjavíker Baustadtamtes, Erla Stefánsdóttier
nicht nur spitz und rot, sondern auch gelb, grün und blau gefärbt
und weisen unterschiedlichste Formen auf. Ein Zwerg mit Mütze
ist daher unsichtbar, sichtbar für Menschen sind nur solche ohne
Kopfbedeckung. Insofern ist der Gartenzwerg wie er in manchem deutschen
Vorgarten als Skulptur zu finden ist, eine Absurdität, eine Chimäre.
Aber es gibt auch gewisse Pflanzen und Steine, die die Fähigkeit
des Unsichtbarmachens besitzen oder selbst unsichtbar sind. Eine spezielle
isländische Steinart ist der Huliðshjálmsstein, der
Tarnhelmstein. Er ist nicht Wohnort einer Elfe, noch Körperteil
eines versteinerten Trolls, wie oft fälschlich vermutet wird,
sondern die versteinerte Kopfbedeckung eines Zwerges. Der Huliðshjálmsstein
ist - solange er nicht berührt wird - sichtbar.

Tourismus
Eine
ausgeklügelte, nahezu magische Marketing-Strategie, um Touristen
anzulocken, hat sich die kleine Hafenstadt Hafnarfjördur, in
der Nähe von Reykjavík, einfallen lassen. "Hafnarfjördur
besitzt eine der größten und vielfältigsten Populationen
an Elfen und Geistern auf ganz Island. Seit jeher glaubt man daran,
dass hier Elfen wohnen", heißt es in der von Frau Stefánsdóttir
erstellten Karte, in der sämtliche Elfenwohnorte verzeichnet
sind. Der interessierte Tourist kann damit gezielt auf die Suche gehen.
Wenn
auch die meisten Isländer zu ihren Elfen stehen, manch einer
schmunzelt über die Elfenbegeisterung der Fremden. Frau Stefánsdóttir
hat ebenfalls gemischte Gefühle: "Es stimmt, dass die Elfen
manchmal vermarktet werden. Aber es hilft, sie den Menschen näher
zu bringen, um sie besser schützen zu können."
Die Elfenschule in Reykjavik
Seit 1994 gibt es hier eine Elfenschule namens Àlfaskólin,
die seit mehr als zehn Jahren von Magnús Skarphédinsson,
ein grosser, rotbärtiger Mann, geleitet wird. Früher war
er Hochschullehrer, heute hat er eine Firma, welche Häuser renoviert.
Die Elfenschule betreibt er nebenbei. Von den zehn Prozent der Isländer,
die sich nach Kontakt mit dem "huldufólk" sehnen,
ist Magnús Skarphédinsson wahrscheinlich der Sehnsüchtigste.
In der Schule lernt man das Wichtigste über Elfen und das "verborgene
Volk" in 4 Stunden. Im Anschluss erhält man ein "Diplom".
Die Schule wird oft von Touristen aufgesucht, die etwas über
Naturgeister erfahren möchten.

Magnús Skarphédinsson
Schlusswort
Ist
es nun die urwüchsige, sich ständig wandelnde Natur in dem
spärlich besiedelten Land, die die Menschen an magische Kräfte
glauben lässt, oder die späte Christianisierung ab dem 10.
Jahrhundert, die den heidnischen Glauben nie ganz verdrängte?
Genau lässt es sich nicht sagen. So eigenartig es jedem Mitteleuropäer
erscheint mit Elfen zu sprechen und sie zu schützen - für
Isländer sind sie Teil ihres Lebens.