Historische Poltergeistfälle
aus dem 18. Jahrhundert in Deutschland

Dieser Beitrag stellt fünf weitgehend unbekannte historische Spuk (RSPK) - Fälle aus dem Deutschland des 18. Jahrhunderts vor. Die wichtigsten phänomenologischen Strukturen dieser Berichte werden beschrieben und es wird festgestellt, dass sie mit den aus der Neuzeit bekannten Fällen bemerkenswert gut übereinstimmen. Die Berichte aus dem 18. Jahrhundert sind insofern interessant, als sie sich vor dem Beginn der allgemeinen Elektrifizierung der Haushalte zutrugen, wodurch die Gültigkeit der elektromagnetischen Theorie der Spukfälle erheblich eingeschränkt wird. Ein gemeinsames Merkmal der frühen Fälle besteht darin, dass sie auf dem Hintergrund zeitgenössischer religiöser Überzeugungen interpretiert wurden, die sich von den traditionellen Vorstellungen des Volksglaubens unterschieden. Historisch gesehen zeigt sich dieser Unterschied in der Art und Weise, wie sich in volkstümlichen Vorstellungen die Wahrnehmung eines Poltergeist allmählich von einem freundlich gesinnten Geistwesen (z. B. Kobold) über einen im Außen erlebten üblen Geist zu einem im häuslichen Innenbereich beheimateten bedrohlichen Geist verlagert. Eine ähnliche Entwicklung spiegelt sich in vielen zeitgenössischen PSPK-Fällen wider. Die historische Betrachtungsweise solcher Fälle kann hilfreich sein, um die Glaubensvorstellungen zu verstehen, die RSPK-Phänomene geprägt haben.

Historische Poltergeistfälle
Heinrich George Haenells Spukbericht von 1722

Geister bildeten in früheren Jahrhunderten keinesfalls eine einheitliche Gruppe. Da gab es z.B. Kobolde, die in der deutschen Tradition als eine Variante von Geistern gesehen wurden. Eine Unterklasse von Kobolden wiederum stellen dann die Poltergeister dar. In der aktuellen Forschung wird im amerikanischen Bereich dagegen der Terminus "poltergeist" für ganz bestimmte ungewöhnliche Vorkommnisse benutzt, d.h. für "recurrent spontaneous psychokinesis" (RSPK), sich wiederholende spontane Psychokinese. Catherine Crowe (1848) hatte den deutschen Begriff "Poltergeist" in die englische Sprache eingeführt, doch im Gegensatz zum deutschen Sprachgebrauch unterscheidet man heute in der amerikanischen Terminologie zwischen personengebundenen "poltergeists" und ortsgebundenen "hauntings" , d.h. zwischen personengebundenem und ortsgebundenem Spuk. Das Wort "Spuk" ist ein "bequemer Sammelname", der anderen Sprachen wie etwa dem Englischen fehlt, und auch "Poltergeister" bilden im Deutschen einen weitgefassten Begriff, der sich nicht auf personengebundenen Spuk beschränkt, sondern sogar bevorzugt im Zusammenhang mit Spukhäusern, d.h. ortsgebundenem Spuk, steht. Die folgenden sechs historischen Berichte beschreiben nun Poltergeistfälle, wobei die Frage nach deren Personen- oder Ortsgebundenheit entsprechend dem ursprünglichen Sinn des Wortes " Poltergeist" zunächst offen bleibt.



Der Fall Gerstmann (Dortmund, im Jahre 1713)

Dieser Fall spielte sich vom 05. Mai bis zum 2. Juni 1713 im Haus des bekannten evangelisch-lutherischen Arztes Barthold Florian Gerstmann ab und wurde von seinem, seinerzeit studierenden, Sohn Florian Bertram zunächst auf Lateinisch im Tagebuchstil verfasst. Die Dokumentation ist äußerst umfangreich und umfasst im Ganzen 159 Seiten.

Der Spuk dauerte ca. 6 Wochen an und begann zunächst um Mitternacht im Hühnerstall in Gegenwart der kleinen Tochter, dann richtiger Beginn 2 Wochen danach mit Steinewerfen.
Betroffen davon sind das Ehepaar Gerstmann und seine zwei Söhne, von denen der eine wie bereits erwähnt, der Berichterstatter ist, während der andere lediglich als "kleiner Sohn" betrachtet, jedoch vom Vater als Zeuge genannt wird. Ferner existiert eine Tochter, die jedoch kaum angeführt wird, aber die Erste sein soll, die auf diese Phänomene aufmerksam wurde, sowie eine Magd. Vor allem aber gibt es jede Menge anderer Zeugen, denen dieser Poltergeist kleinere Lektionen erteilt haben will. Einige der besten Zeugen außerhalb der Familie ist der Dortmunder Pastor Joh. David Brügmann, der in einer 48 Seiten umfassenden Publikation sein Zeugnis über den Poltergeist ablegt.

Historische Poltergeistfälle
Eine Familie wird Zeuge mysteriöser Vorfälle

Der Fall beginnt, wie bereits erwähnt, um Mitternacht mit Steinewerfen im Hühnerstall. Das Bombardement beginnt außerhalb des Hauses und setzt sich dann innerhalb des Wohnbereiches fort. Insgesamt werden 760 Steinwürfe und 147 zerbrochene Fensterscheiben dokumentiert. Die weiteren Phänomene, die sich in Gerstmanns Haus ereignen, sind sehr vielfältig. So kommen neben dem schadenverursachenden Aspekt des Steinewerfens auch noch die Poltergeistphänomene hinzu, die in Gerstmanns Haus fast ausschließlich tagsüber am Werke sind. Es werden allerlei Schabernack und Kuriositäten veranstaltet.

Die nächste Gruppe von Ereignissen gehört aber in der Bereich der ernsten physikalisch abnormen Phänomene, so etwa das häufig berichtete Öffnen von Türen von selbst; oder ein Ereignis vom 26. Mai: Am Vormittag zwischen 9 und 10 Uhr wird der schwere Tisch, der in der mittleren Stube am Fenster steht, von alleine vor die Tür gesetzt. Als wenn das Gespenst die Tür auf solche Weise versperren und den Eingang in die Stube verbieten wollte. Eine weitere Reihe von Phänomenen kreist um die Toilette. Es findet ein regelrechter Fäkalien-Spektakel statt. Mehrmals wird in Gerstmanns Haus ein Schatten gesehen.
Der ganze Spuk endet schließlich mit Gepolter und der Erscheinung eines Schattens.


 

 

Das Pfarrhaus in Gröben (Gröben 1718)

Vom 17. Juni bis zum 18. September des Jahres 1718 spielt sich, nachdem fünf Jahre später erschienenen Bericht des betroffenen Pfarrers Jeremias Heinisch, ein klassischer Poltergeistfall in dessen Pfarrhaus ab. Zunächst wird das Pfarrhaus in Gröben, das in der Umgebung von Jena liegt, tagsüber mit Steinen beworfen, ohne dass eine Ursache gefunden werden kann. Erst am 31. Juli desselben Jahres beobachtet Heinisch, dass ein Stein von der Erde in die Höhe gehoben wird, immer höher bis er auf das Dach steigt und mit großer Gewalt aufschlägt. Zugleich gaben einige der Zuschauer an, wie sie die Steine aus dem großen Baum im Garten, aus dem Winkel der Gartentüre und aus der Mauer des Pfarrers Wohnung herkommen sahen.


Ab diesem Zeitpunkt nimmt die Häufigkeit des Steinewerfens zu. Die Steine werden nun auch größer und richten auch Schaden an, indem sie u. a. die Fensterscheiben der unteren Stube zerschmettern. Als sich der Pfarrer Heinisch vor das bombardierte Fenster stellt, hört der Spuk während dieser Zeit auf. Nach kleineren Unterbrechungen und Intensivitätsvarianten fängt es ab dem 23. August tagsüber und nachts zu toben an. Akustische Phänomene, wie das Kratzen mit starken Klauen, das fortwährende Werfen mit Steinen und weiteren Schäden durch Zerbrechen von Töpfen und Schüsseln, stören von nun an so erheblich die Nachtruhe der Hausbewohner, zu denen u. a. auch die Ehefrau des Pfarrers, das soeben am 5. August, geborene Kind und einige Mägde gehören, dass eine partielle Hausräumung vorgenommen wird. Auch das Durchdringen von verschlossenen Türen wird berichtet. So wird z.B. am 14. August des öfteren ein Stück Blei, von dem Gewicht der Uhr, in der unteren Stube entnommen, und entweder an die Türe des Zimmers des Pfarrers Frau, oder im großen Saal, mit großer Heftigkeit umher geworfen. Man hörte oder sah aber niemanden dabei.

Historische Poltergeistfälle

Heinisch berichtet noch von etlichen anderen Kuriositäten, die sich in Gröben abspielten und sagt am Ende seiner Dokumentation: "Es ist meine Absicht nur die hauptsächlichsten Phänomene anzuführen, und im Voraus diejenigen, welche ich entweder selbst gehört und gesehen, oder doch zum Wenigsten mit satsamen Gewissheit=Grund erfahren habe" (Heinisch, 1723). An dem ganzen Spektakel kommen keine Personen zu Schaden, aber einer Henne wird der Kopf abgerissen! Der Autor betont, dass weder Phantasie, Melancholie, noch eine Krankheit als Ursache in Frage kommen.

 


Der Fall Dunckelmann (Sandfelt 22. Januar 1722 - 30. März 1722)

Der Bericht wurde von Heinrich George Haenell, dem Verwalter des Spukhauses, aufgezeichnet. Dieser bekam auch den Auftrag, die sonderbaren Ereignisse im Haus zusammen mit zwei Zeugen zu untersuchen und zu dokumentieren. Der Fall beginnt, als eine Lampe im Haus direkt vor den Augen des Ehepaares Dunckelmann verschwindet. Sie wird zwei Tage später im Garten vorgefunden. Die Kinder wollen zwei kleine Frauen hier im Garten beobachtet haben, die augenblicklich in die Erde hineingegangen sein sollen. Es wurden noch zahlreiche Erscheinungen gesichtet, begleiten von akustischen Phänomenen. Nach erheblichen Sach- und Personenschäden, und unmittelbar nach dem Entschluss der Dunckelmanns auszuziehen, endete der Fall schließlich.

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Das Pfarrhaus in Wustermarck (ca. 1743 bis 1742)

Hier soll jahrelang ein Kobold sein Unwesen getrieben haben. Andauernd waren in der Wohnstube Geräusche und Lärm zu hören. Manchmal schien es, als ob jemand einen großen Kasten durch die Gegend schob, oder ein starker Stoß oder Schall erschütterte das ganze Haus. Oft spürte der Pfarrer auch, von einer unsichtbaren Anwesenheit berührt zu werden. Der Pfarrer und der Berichterstatter sind davon überzeugt, dass alles habe ein fürchterlicher Kobold angerichtet.

 


Der Spuk im Pfarrhaus in Schwartzbach (Juli bis September 1749)

Dieser Fall beginnt an einem Sommerabend mit wiederholenden Schlägen gegen die Fenster der Pfarrwohnung in Schwartzbach. In diesem Haus wohnen zu diesem Zeitpunkt der Magister Friedrich Christoph Schilling, die Witwe des ehemaligen Pfarrers, die Mutter und die Schwestern Schillings, sowie eine knapp 15-jährige Magd. Das überwiegend nächtliche Bombardement mit Steinen hält fast 10 Wochen an. Die Steine mit denen geworfen wurde, waren überwiegend wie die, die vor Ort auf den Straßen und Feldern vorzufinden waren. Doch hin und wieder fand man aber auch Steine darunter, die nicht aus der Umgebung stammen konnten.

Auch wurde mit Leim, Kalk, der von der Wand gerissen wurde, Kot, Kröten und dergleichen Dingen geworfen. Ungewöhnlich an diesem Fall ist die Tatsache, dass die anwesenden Personen tatsächlich von diesen Wurfgeschossen getroffen und auch verletzt wurden. Vor allem eine Schwester des Pfarrers und die Magd verletzten sich durch die Wurfgeschosse. Auch der Hund im Stall wird beworfen, so dass es kläglich jault. Im Bericht heißt es, die Geschosse kamen aus der Kirche geflogen.

Historische Poltergeistfälle
Die Magd scheint das "Lieblingsopfer" des Poltergeistes gewesen zu sein.

Neben dem Bombardement mit teilweise bis zu sieben Pfund schweren Steinen, kommt es auch zu verschiedenen anderen Phänomenen, wie ungewöhnlichen Geräuschen: Am 08.10. 1749 fängt es unter den Füßen der Witwe an, in wundervollen Tönen zu pfeifen. Die Witwe vergleicht es mit den Tönen einer Nachtigall. Aber auch Gegenstände werden verstellt, verschwinden und tauchen an anderen Orten wieder auf. Zum Beispiel wird Brot aus dem Schrank genommen und auf die Treppe gelegt, oder die Wäsche wird von den Leinen herunter geworfen, obwohl man den Dachboden vorher abgeschlossen hatte. Die Magd wird nachts an den Haaren gezogen und dergleichen. Wie es scheint, ist der Geist ein besonderer Feind des weiblichen Geschlechts, denn dessen Aktivitäten sind ausschließlich gegen die weiblichen Bewohner des Hauses gerichtet.

Insgesamt gibt es an die 50 Zeugen die etwas Ungewöhnliches gehört, und beobachtet haben wie Dinge geworfen wurden.

 

 


 

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