Ich hatte nicht unbedingt das, was man als ein gutes Verhältnis
zu seiner Oma beschreiben kann. Sie war ein harter, kerniger Typ,
der manchmal recht wunderlich war. Sie hatte wohl Depressionen und
diese äußerten sich bei ihr in Form von Beklemmungsgefühlen
am Herzen, die ihr Angst machten.
Sie
hatte ein verdammt hartes Leben, sie waren viele Kinder, harte Arbeit,
Krieg, Hunger usw. Ich habe sogar von meiner Mutter erfahren (die
Tochter meiner Oma), dass sie mal als junge Frau kurz davor war, sich
zu erhängen.
Als
Oma war sie auch nicht grade der mitfühlende, sensible Typ. Eher
grobschlächtig und unsensibel. Je älter sie wurde, und auch
ich, umso mehr fanden wir unseren Weg zueinander. Ich konnte mir denken,
warum sie so war. Sie ging wohl im ganzen Geschehen unter, wurde -
nennen wir es - vergessen, hatte den Mund zu halten und musste schwer
arbeiten. Ich bin ihr mit meinen Kanten und Fehlern gegenüber
getreten und habe daraus keinen Hehl gemacht. Wir hatten unsere Schiene
gefunden, auf der wir klar kamen. Unabhängig der Depressionen
war meine Oma sehr fidel und auf Zack.
Sie
arbeitete bis zum Schluss im Garten und ging noch einiges zu Fuß.
Dann kam der Tag, als sie meine Mutter anrief, weil sie glaubte, dass
was im Unterleib nicht in Ordnung sei. Meine Mutter riet ihr, zu einer
Ärztin zu gehen. Während der Untersuchung wurde ihre Brust
abgetastet und dort ein Knoten festgestellt. Sie war zu diesem Zeitpunkt
81 Jahre alt.
Sie kam ins Krankenhaus und dort stellte man fest, dass beide Arterien
im Hals verkalkt waren. Das wurde an einer Seite erst mal entfernt.
Nachdem sie sich von dieser OP erholt hatte, wurde ihr die eine Brust
entfernt. Alles lief ziemlich reibungslos ab. Wieder zu Hause hatte
sie noch ein bisschen Probleme mit dem Zucker, aber ansonsten war
alles normal.
Am 06.03.2002
hatte meine Tochter ihren 11. Geburtstag. Unter anderem war mein Bruder
zu Besuch. Er stand im Umzug und hatte einen Kater, den er leider
nicht mitnehmen konnte und für diesen eine Bleibe suchte. Er
haderte mit dem Gedanken, ihn an meine Oma zu geben, da diese ja über
einen Garten verfügte. Ich sagte noch zu ihm: "Die Oma (82)
lebt auch nicht ewig."
Am nächsten
Morgen, ich war mit dem Spülen beschäftigt, geht das Telefon.
Meine Tochter ging ran und sagte, dass mein Vater mich sprechen wolle.
Ich gehe ans Telefon und höre nur wie er sagt: "Ich habe
keine so gute Nachricht." In dem Moment wusste ich, dass etwas
passiert sein muss und antwortete nur: "Bitte sag mir nicht,
dass jemand gestorben ist."
Leider hatte er mir den Tod meiner Oma mitzuteilen. Aus heiterem Himmel
und völlig unvorbereitet traf es mich wie ein Schlag. Ich habe
in den nächsten Tagen furchtbar viel geweint.
Die
Beerdigung meiner Oma war am 13.03.02. Einen Tag zuvor, es war ein
Dienstag, war ich am Vormittag sehr ausgelaugt und müde. Da ich
nicht arbeiten musste, habe ich beschlossen, mich auf die Couch zu
legen. Zur gleichen Zeit wurden bei uns im Haus Bauarbeiten durchgeführt,
bei der eine Wand aufgestemmt wurde. Mit diesem Geräusch bin
ich eingeschlafen. Ich wurde wach, weil ich glaubte, einen Schlüssel
in der Tür zu hören. Meine Kinder konnten es nicht sein,
weil sie nicht im Ort zur Schule gingen. Also konnte es nur mein Mann
sein, der im Stadtgebiet im Außendienst tätig ist. Ich
vermutete, dass er sein Handy holen kommt, weil er es vergessen hatte
zu laden. Ich beschloss, mich weiter schlafend zu stellen, da ich
keine Lust auf Konversation mit meinem Mann hatte, ich war an dem
Tag wirklich sehr müde. Ich hörte ihn durchs Wohnzimmer
gehen und atmen und dann ganz nah bei mir an der Couch. Mit einem
Mal hörte ich nichts mehr. In der ganzen Zeit waren aber immer
wieder die Geräusche der Bauarbeiten im Haus zu hören. Obwohl
ich so müde war, beschloss ich, die Augen zu öffnen und
zu schauen, wo mein Mann abgeblieben war. Ich bin sogar aufgestanden
und habe überall nachgeschaut. Ich dachte noch bei mir: "Der
ist aber leise gegangen." Ich bin dann wieder auf die Couch und
habe noch etwa 2 Stunden geschlafen. Als ich wach wurde, habe ich
meinen Mann angerufen und gefragt, ob er denn vor etwa 2 Stunden bei
mir war und er verneinte das. Da fiel es mir wie Schuppen von den
Augen.
Genau
einen Tag vor der Beerdigung meiner Oma passiert mir das. Ich habe
ihren Tod ehrlich bedauert und sie hat sich von mir verabschiedet.
Seitdem war sie auch nicht mehr da. Ich danke ihr für diese Erfahrung,
denn sie hat mir viele Türen geöffnet, die manch einem verschlossen
bleiben.
Viele liebe Grüße
Tiny