- 3. Exorzismus -

3.1 Besessenheit
Als "besessen" wird jemand bezeichnet, in dessen Körper ein unerwünschter Geist eingefahren ist, von dem er geplagt wird. Vorstufe der Besessenheit ist das Umsessensein, wenn fremde Mächte bereits in der Nähe des Opfers lauern. Im frühen Mittelalter verbreitete sich der Glauben, böse Geister und Dämonen würden durch eine der Körperöffnungen in den Körper dringen. Unter anderem deswegen halten wir uns z.B. die Hand vor den Mund, wenn wir gähnen.

Exorzismus - Anneliese Michel
Eine Szene aus dem Film "The Exorcism of Emily Rose" © sonypictures.com

Die Besessenheit zeigt sich durch Krankheit, Siechtum oder auffälliges Verhalten, besonders im Gebrauch von Kraftausdrücken und Schimpfwörtern, sowie im Umgang mit religiösen Gegenständen.
Gelegentlich sollen die Besessenen auch ganz plötzlich Kenntnisse fremder Sprachen oder geheimer Lehren gehabt oder ungewöhnliche Dinge erbrochen haben.

Zur "Heilung" der Besessenheit wurden in früheren Zeiten die verschiedensten Dinge empfohlen: von Kaltwasserbehandlung und Prügeln über Wallfahrten bis hin zur Hinzuziehung eines professionellen Teufelsaustreibers, dem Exorzisten.

 

3.2 Was ist ein Exorzismus?
Als Exorzismus (gr.: exorkizein, "herausbeschwören") bezeichnet man die Austreibung eines bösen Geistes oder eines Dämons aus einem besessenen Menschen, einem Tier oder einem Gegenstand.(1)

In seiner kürzesten christlichen Form lautet die Formel des Exorzismus: "Ich gebiete dir, unreiner Geist, als Diener der Kirche in der Kraft des gekreuzigten und auferstandenen Herrn Jesus Christus, weiche!"
Der auch heute in der katholischen Kirche geltende Exorzismus geht auf das "Rituale Romanum" (2)
aus dem Jahr 1614 von Papst Paul V. zurück.

Eine Teufelsaustreibung wird in den meisten Fällen von dafür ausgebildeten Priestern durchgeführt.
Zum Gelingen des Exorzismus muss das Ritual streng befolgt werden, damit der Exorzist nicht selbst Opfer des Dämons wird, denn keinesfalls wird der unsaubere Geist freiwillig den Besessenen verlassen. Vielmehr ist ein von allen Beteiligten aufs Stärkste herausforderndes Ringen zu erwarten. In diesem geistigen Kampf gilt es herauszufinden, von welchem Dämon der Besessene geplagt wird, um dem Geist den Befehl zur Ausfahrt zu erteilen. Je nach religiösem Hintergrund werden verschiedene Requisiten und beschwörende Formeln (Im Namen der Dreifaltigkeit, der heiligen Maria, der Apostel, Patriarchen und aller Heiligen...) herangezogen, beim christlichen Exorzismus natürlich besonders Bibel, Kreuz, Weihrauch und Vaterunser.

Ist der Dämon ausgetrieben, kann er, es können auch mehrere sein, in die Hölle zurück gebannt oder anderweitig abgeleitet werden. So trieb Jesus etliche Dämonen aus Rasenden aus, die er in eine Herde Säue bannte (Matthäus 8,28-32, Markus 5,1-13, Lukas 8,26-33) oder Maria Magdalena, der Jesus sieben Dämonen austrieb, das Evangelium berichtet noch weitere solcher Ereignisse, sowohl durch Jesus selbst wie durch seine Anhänger, wodurch der Sieg Jesu über diese Geister der Finsternis Ausdruck finden soll (besonders bei Markus). In Jesu Tradition wird der Exorzismus auch gegenwärtig im katholischen Raum praktiziert, der amtlich bestellte Exorzist ist Träger eines niederen Weihegrades.
Auch Papst Johannes Paul II. soll als Priester Besessenen mittels Exorzismus geholfen haben.


Exorzismus - Anneliese Michel
Eine Szene aus dem Film "The Exorcism of Emily Rose" © sonypictures.com

 

3.3 Der Exorzismus der Anneliese Michel
Die erste Sitzung des Exorzismus über Anneliese Michel fand am späten Nachmittag des 24. Septembers 1975 statt. Pater Renz schreibt in seinem Tagebuch:

"24.9.1975. 16.00 angekommen. Mit dem Exorzismus begonnen nach Vorschrift. Anneliese bzw. die Dämonen verhalten sich zunächst ziemlich ruhig. Anneliese wird geschüttelt, immer stärker. Am stärksten reagieren Anneliese bzw. die Dämonen auf das Weihwasser. Sie fängt an zu brüllen und zu toben.

Anneliese weiß alles. Sie weiß, was sie sagt; sie ist anscheinend immer voll bei Bewusstsein. Keinerlei Amnesie. Kurze Pause. Anneliese wird von den drei Männern: Herr Hein, Peter und Vater Michel gehalten (damit sie weder sich, noch andere verletze). Anneliese will beißen, nach rechts und nach links. Sie schlägt mit dem Fuß gegen mich. Manchmal schlägt sie einfach vorwärts. Sie sitzt zuerst auf dem Stuhl, später auf der Couch. Sie darf nicht liegen. Wenn sie sich einmal legt, erhebt sie sich sofort wieder. Sie klagt, dass der Teufel ihr im Kreuz sitzt.

 

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(1)
In solchen Fällen geht man allerdings eher von Verhexung aus.
(2) Darin wird die Folge von Gebeten, Bibelversen und Beschwörungen sowie das Erkennen und Verhören der Dämonen geregelt. Der Exorzist soll den Dämonen das Dasein in der besessenen Person derart vergällen, dass sie aufgeben und "ausfahren".


Von Zeit zu Zeit brüllt sie, besonders bei Weihwasser. Manchmal jault sie wie ein Hund. Wiederholt sagt sie: "Hört auf mit dem Dreckzeug!" - "Sie Scheißkerl!" - "Sie Drecksau!" - "Weg mit dem Dreckzeug!" (Weihwasser). - "Hört auf mit dem Dreckzeug!" (Exorzismus). Ansonsten spricht sie sehr wenig. Auch mit den Schimpfworten ist sie sparsam. Gegen Schluss wird sie ganz wütend beim "Gloria Patri", das wir gemeinsam beten, wiederholt beten. Das Ganze dauert von 16.00 bis 21.30.

Am Schluss, das heißt, hernach, sagt sie: "Jetzt hätte man weitermachen sollen." Sie hat anscheinend gespürt, dass es den Dämonen an den Kragen geht. Beim Abschied war sie eigentlich recht munter. Das Ganze muss für sie anstrengend gewesen sein. Sie verbraucht viel Kraft, da sie von den drei Männern gehalten wird und doch immer dagegen ankämpft."
(1)

Pater Renz, der mit dieser an seine erste Teufelsaustreibung heranging, fasste langsam mehr Mut, hatte keine Angst mehr vor dem Ungewissen, war jedoch auch enttäuscht, da kein Teufel ausgetrieben wurde. Er ahnte schon, dass ein langes und schwieriges Unterfangen auf ihn wartete. Am Sonntag, dem 28. September wurde dann die nächste Sitzung einberaumt, auf der zum ersten Mal ein Tonbandgerät eingesetzt, die durchaus bemerkenswerten Dinge aufzeichnete, die die Dämonen in Anneliese von sich gaben.

Der Dämon, der zunächst alleine sprach, behielt es sich vor, den Pater zu beleidigen, gab schließlich jedoch den Grund bekannt, warum Anneliese besessen sei: "Die war noch nicht geboren, da ist sie schon verflucht worden." (2) Es stellte sich heraus, dass eine ehemalige Nachbarin der Mutter in Leiblfing aus Neid den Fluch ausgesprochen hatte.

Der Dialog zwischen Pater und Dämon ging noch eine Weile weiter, bis sich schließlich noch ein anderer Dämon zu Wort meldete, der ebenfalls Anspruch auf Anneliese erhebt. Es entbrannte ein Streit und schon bald auch ein verschwörerisches Zwiegespräch: "Scheißdreck nein, ich geh nit, ich steh drauf…" […] - "Geh naus!" - "Nein!" - "Doch, du gehst naus!" - Nein ich geh nit!" - "Doch du gehst naus!" - "Nein ich geh nit naus!" Und dann ein triumphierendes: "Mir gehe nit naus, mir haltet zusamme!"

Es stellte sich also heraus, dass es mindestens zwei Dämonen sein mussten, die Anneliese so plagten.
Priester und Dämonen lieferten sich zeitweise erbitterte Kämpfe. Die Dämonen hatten es darauf abgesehen, die Anwesenden zu betrügen, in die Irre zu führen. Keinesfalls wollten sie weichen.


Exorzismus - Anneliese Michel
Eine Szene aus dem Film "The Exorcism of Emily Rose" © sonypictures.com


Die wirksamste Waffe der Priester war das Kreuzverhör. Auf diese Art und Weise gelang es schließlich auch, genau auszumachen, wie viele Dämonen Anneliese innewohnten. Zunächst wehrten sich die Dämonen heftig, ihre Namen zu nennen, gaben sich dann schließlich doch zu erkennen: Luzifer, Judas, Nero, Kain, Hitler und ein gefallener Priester mit dem Namen Fleischmann. (3)

 

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(1)
"Anneliese Michel und ihre Dämonen", S. 128
(2) "Anneliese Michel und ihre Dämonen", S. 130
(3) Es stellte sich später heraus, dass dieser Pfarrer zu Lebzeiten ein Mörder und Trinker gewesen war. Zufällig hatte er ebenso wie Pfarrer Alt im Pfarrhaus in Ettleben gelebt.


Annelieses Zustand verschlechterte sich. Immer wieder musste sie von ihren Eltern ans Bett gefesselt werden. Zu ihrer Mutter sagte sie einmal: "Ich geh' heut' in die Luft! Ihr müsst mich fesseln!" (1)

Nach weiteren exorzistischen Sitzungen berichtete Anneliese schließlich, sie habe eine Eingebung der Mutter Gottes gehabt. Bald kamen auch Ratschläge von Barbara Weigand (2) und dem Heiland selbst hinzu. Anneliese tat wie ihr geheißen und schrieb die Nachrichten der Mutter Gottes an die Priester, sowie die Ratschläge und Hoffnung spendenden Worte auf:

"20.10.1975
Heiland: (3) ,Du musst noch etwas aufschreiben.'
Ich: ,Was denn?'
Heiland: ,Das, was ich gestern Abend sagte.'
(Ich wollte es nicht aufschreiben, weil ich glaubte, es sei vom Satan; außerdem sträubt sich mir bei dem Gedanken meine Natur.) Heiland verlangt von mir Gehorsam, deshalb schreibe ich es auf.
Heiland sagte: ,Du wirst eine große Heilige werden.'
(Ich wollte das immer noch nicht glauben, da ließ mich der Heiland zum Beweis, dass ich richtig gehört hatte, Tränen weinen.)" (4)

Zwar hegte Anneliese des Öfteren Zweifel, ob dies keine Gaukeleien seitens der Dämonen gewesen sein könnten, doch schöpfte sie von Tag zu Tag mehr Mut. Am 16.10.1975 versprach die Mutter Gottes, dass sie bald ganz befreit sein würde, genauer am 31. Oktober. Mit Spannung, Hoffen und Gebeten wurde jener Tag erwartet. An diesem Abend geschah es scheinbar tatsächlich, dass Luzifer, Hitler, Kain, Nero, Priester Fleischmann und Judas ausfuhren. Auf Tonbandaufnahmen jenes Abends ist zu hören, wie sehr sich die Dämonen, trotz des Befehls der Mutter Gottes sträubten. Sie würgten, brüllten und knurrten, fuhren jedoch schließlich, auf Befehl der Priester die Mutter Gottes grüßend, aus.

Freude und Entzückung übermannte die Anwesenden an diesem Abend und sie sangen ein Marienlied, aus Dank an die Jungfrau Maria. Doch plötzlich wurde das Lied durch ein wütendes Knurren, einen Schrei und eine dämonische Stimme unterbrochen, die kreischt: "Ich bin noch nicht raus!" (5)

Der Kampf begann erneut. Doch dieser erwies sich erheblich schwerer als der letzte. Zwar schaffte es Pater Renz bald, den Dämon zu zwingen, seinen Namen zu nennen, doch weigerte sich dieser strikt, auszufahren. Es war Judas, der zurückgekommen war. Neben ihm hatten, laut seiner Aussage, noch einige andere Dämonen von Anneliese Besitz ergriffen, deren Namen er jedoch partout nicht nennen wollte. So blieben sie unerkannt.

Zu Beginn der darauf folgenden Sitzungen gab sich Judas zunächst kooperativ, doch war er nach wie vor vergnügt, die Priester bei der vermeindlichen Austreibung am 31. Oktober hinters Licht geführt zu haben.

 

Exorzismus - Anneliese Michel
Eine Szene aus dem Film "The Exorcism of Emily Rose" © sonypictures.com

 

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(1)
"Anneliese Michel und ihre Dämonen", S. 149
(2) Eine von Anneliese sehr verehrte Bäuerin aus dem Spessartdorf Schippach. Sie starb ein Jahrzehnt vor Annelieses Geburt nach einem Leben von schwerer Arbeit, Gebet und Verzückung und hatte zu Lebzeiten den Eucharistischen Liebesbund gegründet.
(3) Jesus Christus
(4) Aus Annelieses Tagebuch, "Anneliese Michel und ihre Dämonen" , S. 155
(5)"Anneliese Michel und ihre Dämonen", S.172

 

Die Priester gaben nicht auf, beteten Sitzung für Sitzung die Gebete für den Exorzismus, besprengten Annelieses Körper mit Weihwasser, beriefen sich auf den exorzistischen Vertrag, der besagte, dass sie nach Vereinbarung ausfahren müssten und leisteten sich einen harten Kampf mit den tückischen Dämonen. Doch nichts von alle dem half mehr. Zwar war es Anneliese einmal möglich, die heilige Kommunion zu empfangen und einige Prüfungen auf der PH abzulegen, doch ihr körperlicher Zustand verschlechterte sich drastisch zum Frühjahr 1976. Sie ertrug die anstrengenden Sitzungen, zu denen in den meisten Fällen nur noch Pater Renz erschien, immer weniger. Sie wurde schwach und kränklich. Judas und sein Gefolge weigerten sich nach wie vor, auszufahren, bis sie sich schließlich bereit erklärten, am 1. Juli zu weichen.

Ein Hoffnungsschimmer für die Familie und auch für Anneliese, die stetig an Gewicht verlor. Am 8. Juni 1976 sah Pfarrer Alt sie zum letzten Mal lebend: "Sie machte einen erschöpften Eindruck; ihr Gesicht war eingesunken, die Backenknochen standen hervor, ihre Nase war spitz und scharf." (1)


Immer wieder wurde während der Sitzungen davon gesprochen, einen Arzt hinzu zu führen, doch Anneliese weigerte sich. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass ihr ein Arzt helfen konnte und nahm an, dass dieser sie in die Nervenheilanstalt nach Lohr schicken würde. Da wollte sie keinesfalls hin. Pater Renz sagte auf der letzten Tonbandaufnahme: "Am 30. Juni [...], am Vorabend ihres Todes, sagte sie während des Exorzismus plötzlich: "Bitte um Lossprechung!" […] Selbstverständlich gab ich ihr sofort die erbetene Lossprechung. Lossprechung, das war ihr letztes Wort gewesen, das sie zu mir gesprochen hat. " (2)


Der letzte, der Anneliese lebend sah, war ihr Vater Josef. Er hatte an ihrem Bett gesessen und beobachtet, wie sie sich von einer Seite auf die andere warf, während die Dämonen sie quälten. Es war nach Mitternacht, als er ihr sagte, es sei jetzt der 1. Juli, die Dämonen seien verpflichtet, heute auszufahren.

Josef Michel sagte bei der Polizei aus: "Daraufhin […] legte sich Anneliese auf die rechte Seite und schlief vollkommen ruhig ein. Am nächsten Morgen ging ich gegen 7 Uhr - die ganze Nacht war sie ruhig gewesen - an die Zimmertür. Sie lag in ihrem Bett und rührte sich nicht. Ich nahm an, sie schlafe. Ich fuhr dann auf die Baustelle. Gegen 8 Uhr verständigte mich meine Frau, Anneliese sei gestorben." (2)


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(1)
"Anneliese Michel und ihre Dämonen", S. 214
(2) "Anneliese Michel und ihre Dämonen", S. 218

 


Exorzismus - Anneliese Michel