
Zu
Beginn des 19. Jahrhunderts war Willington in Northumberland noch ein
eigenständiges kleines Städtchen. Bis 1974 gehörte die
Verwaltungseinheit im Nordosten Englands zu Newcastle-upon-Tyne. Heute
gehört die Stadt jedoch zum Metropolitan County Tyne and Wear.
Willington ist bekannt als der Geburtsort von Robert Stephenson, dem
Konstrukteur der Dampflokomotive Rocket und berühmt für seine
Mühle, in der es spukte.

Die
Mühle von Willington
Der Eigentümer der Mühle, Joseph Procter, war ein angesehener
Quäker (1) und keines Falls
abergläubisch. Dennoch, oder gerade deswegen, führte er 12
Jahre lang ein Tagebuch über die verschiedenen Ereignisse und Phänomene,
die sich im Haus, das zur Mühle gehört, zutrugen. Dieses Tagebuch
wurde später von einem seiner Söhne, Edmund Procter, überarbeitet
und bei der Society for Psychical Research (2)
eingereicht.
Die
ersten Vorkommnisse ereigneten sich 1835. Zu dieser Zeit hatten die
Procters nur ein Kind, den zwei Jahre alten Joseph. Im Laufe der Jahre
kamen noch drei weitere hinzu - Jane, Henry und Edmund.
Eines
Tages berichtete das Kindermädchen von unheimlichen Schritten im
Raum über dem Kinderzimmer. Diese hatte sie nun schon mehrere Male
vernommen und war deshalb sehr beunruhigt. Die Stube von der sie sprach
war jedoch unbewohnt, verschlossen und verbarrikadiert. Mrs. Procter
schenkte dieser Aussage zunächst keinen Glauben und tat das Ganze
als Einbildung ab. Doch vermerkte Mr. Procter in seinem Spuktagebuch
dazu:
"Sehr
bald schon sollte die ganze Familie Zeuge dessen werden, was das Kindermädchen
beschrieben hatte. Fast täglich und mehrmals am Tage hörte
immer wieder einer der Bewohner diese seltsamen Schritte."
Die
Tritte waren so laut und schwer, dass dabei sogar die Scheiben des Kinderzimmers
zerbrachen.
Später kamen noch andere Geräusche hinzu: Rütteln und
unheimliches Pfeifen. Auch etwas, das sich anhörte wie das Zuklappen
von Truhendeckeln und Stühlerücken.
Später
behauptete Thomas Mann, ein glaubwürdiger Nachbar, er habe im zweiten
Stock eine weiße weibliche Gestalt gesehen. Kurz darauf sah auch
Manns Frau diese Gestalt. Das Ehepaar beschrieb das zweite Ereignis
wie folgt: "Sie
ging vorwärts und rückwärts am Fenster umher, bis sie
plötzlich stehen blieb und am Fenster verharrte. Sie war leuchtend
und transparent zugleich. Ihr Wesen erinnerte an einen Priester im weißen
Chorrock."
Die
Beiden riefen sogleich die Großmutter und ihre Tochter, um dieses
Phänomen zu begutachten.
Bis die beiden jedoch eintrafen, war der Kopf der Erscheinung schon
nahezu verschwunden. Dennoch dauerte es noch volle 10 Minuten, bis die
Gestalt ganz und gar von oben nach unten vergangen war.
"Es
war eine sehr dunkle, mondlose Nacht, ohne einen einzigen Lichtstrahl.
Die Läden waren geschlossen und die Erscheinung schien durch sie
und das Glas hindurch zu gleiten. Im Hinschwinden schien sie die Mauer
zu beiden Seiten zu durchdringen."
Kurz
nach diesem Ereignis spürten verschiedene Bewohner des Hauses,
wie nachts ihre Betten angehoben wurden. Der kleine Joseph erklärte,
es würde sich anfühlen, als läge ein Mann darunter und
würde das Bett mit seinem Rücken hochstemmen. Gleichzeitig
klagten alle Bewohner darüber, dass ein unbekanntes Wesen in ihre
Schlafzimmer einzudringen pflege, obwohl die Türen derer fest verschlossen
waren.
Die
4 ½ Jahre alte Jane berichtete eines morgens - nachdem sie bei
ihrer Tante im Bett schlief - ihren Eltern, sie habe am Fuß des
Bettes einen seltsam erscheinenden Kopf gesehen - den einer alten Frau,
wie sie meinte. Sie sah auch die Hände der Gestalt, mit jeweils
zwei ausgestreckten Fingern, die einander berührten. Auch war da
etwas, das die Schläfen entlang und den unteren Teil ihres Gesichts
lief. Der
kleine Joseph vernahm nun auch Stimmen, die mitunter so laut zu hören
waren, dass er Angst hatte sein Zimmer zu betreten. Er gab an, dass
sie Phrasen von sich gaben wie "Macht nichts!" oder "Hol
es dir!"
Am
3.Juli 1840, als nur der Diener des Hauses und Mr. Procter selbst im
Haus weilten, kam Dr. Edward Dury, ein Bekannter aus Sunderland zusammen
mit seinem Freund Thomas Hudson zur Mühle, um sich von den Geschehnissen
ein Bild zu machen. Die beiden wollten die Nacht auf der Treppe sitzend
verbringen. Nach Mitternacht hörten die Beiden Schritte von oben,
als komme jemand die Treppe herunter.
"Als
ich auf meine Taschenuhr sah, war es zehn Minuten bis 1 Uhr. Dann schaute
ich zum Wandschrank, der eindeutig offen stand. Dort sah ich eine weibliche
Gestalt in einem hellgrauen Gewand und mit gesenktem Kopf. Die eine
Hand hatte sie gegen ihre Brust gepresst als fühle sie Schmerzen,
die andere deutete mit ausgestrecktem Zeigefinger zum Fußboden
hin. Mit vorsichtigen, schwebenden Schritten kam die Gestalt auf uns
zu. Als sie meinen Freund Hudson erreicht hatte, streckte sie ihre Hand
nach ihm aus. Während ich einen schrillen Schrei ausstieß,
versuchte ich dazwischen zu gehen. Doch statt die Gestalt zu fassen,
fiel ich durch sie hindurch auf Hudson. An die darauf folgenden 3 Stunden
erinnere ich mich an nichts Genaues. Man berichtete mir, ich sei in
einer Agonie der entsetzlichsten Ängste die Stufen hinunter getragen
worden."
Trotz
alledem und obwohl die Familie kleine Kinder hatte, ertrugen die Procters
sämtliche Störungen im Haus 12 Jahre lang. Erst 1847 zogen
sie nach Shields. In der letzten Nacht vor dem Umzug waren Mr. Und Mrs.
Procter alleine im Haus und hörten Lärm wie von Kisten, die
über die Treppen gezerrt werden, von hin- und hergerückten
Möbeln - "kurz, eine Imitation aller - für einen Umzug
typischen - Geräusche", wie Edmund Procter in seinen Aufzeichnungen
schreibt.
"Was
für eine schreckliche Nacht mussten meine Eltern damals durchstehen
Nicht so sehr wegen des unheimlichen Lärms wegen, an den sie sich
längst gewohnt hatten, als vielmehr um der Ängste willen,
dieser unglückselige Klamauk könne bedeuten, dass die unwillkommenen
Gäste sich bereit machten, der Familie ins neue Heim zu folgen
und es niemals ein Ende haben könnte. Diese Befürchtung erfüllte
sich glücklicherweise jedoch nicht."
Edmund
schrieb, dass - soweit er weiß - die nächsten acht zugebrachten
Jahre im neuen Domizil frei von allen Ärgernissen, von ungemütlichem
Geklopfe, von steifen Schritten auf den Stufen im Treppenhaus und ungebührlichem
Gemurmel waren, wie es 12 Jahre das Leben einer stillen Quäkerfamilie
in der alten Mühle zu Willington gestört hatte.
Obwohl
dieser Fall nur am Rande typische Poltergeistzüge aufweist, nahm
Harry Price diesen 1945 in sein Buch Poltergeist over England auf. Auch
wenn es ihm an Charakteristika wie der physischen Bewegung von Gegenständen
mangelt. Auch untypisch für eine Poltergeistattacke ist die Dauer
des Spuks von fast 12 Jahren. Auch fehle ein pubertierendes Kind, das
als Fokus hätte dienen können. Denn Joseph war dazu, mit seinen
2 Jahren, noch viel zu jung, als die Ereignisse bei den Procters begannen.
Auch könnte man die Stimmen als kindliche Einbildung abtun, die
der kleine Joseph gehört hatte. Aber diesen Einwand sicher vorausahnend
schrieb Edmund Procter:
"
kann ich nur sagen, ein glaubwürdigerer und ehrlicherer
Knabe hatte niemals Atem."
Edmund erkundigte sich später bei Thomas Mann, ob es noch weitere
Spukerscheinungen oder ähnliches in der Mühle nach dem Auszug
der Familie gab. Mann gab an, noch ein- oder zweimal Erscheinungen gesehen
zu haben. Jedoch sei er dazu absichtlich schweigsam und behielt die
Erinnerung daran für sich. Lediglich, dass er wenig darunter gelitten
hatte war ihm zu entlocken. Später wurde das Haus dann geteilt
und schließlich abgerissen.
Dieser
nach klassischem Spuk erinnernde Fall wurde von den Procters ungewöhnlich
detailreich und mit relativer Kaltblütigkeit dokumentiert. Eine
mögliche Erklärung für die aufgetretenen Phänomene
findet sich vielleicht in einem unvollendeten, später wieder durchgestrichenem
Satz in Mr. Procters Tagebuch:
" Eine alte gebrechliche Frau, die Schwiegermutter von R. Oxon,
dem Erbauer des Gebäudes, lebte und starb in diesem Haus, und nach
ihrem Ableben sprach man ihr den Spuk zu
"